Veröffentlichungen: Struwwelpeter

Buchbesprechung:

Die Schedel'sche Weltchronik

von Micha Hektor Haarkötter

Durch die löbliche Buchdruckerkunst wird „der lang verschlossene Brunn’ unaussprechlicher Weisheit, menschlicher und göttlicher Kunst der Allgemeinheit zugeführt“. So formuliert Hartmann Schedel in der nach ihm benannten Weltchronik von 1493. An der mittelalterlichen Lehre von den sieben Weltaltern orientiert sich die Chronik, die als das erste Geschichtswerk eines deutschen Gelehrten gilt. Die ersten fünf Weltalter folgen den biblischen Erzählungen von der Erschaffung der Welt bis zur Geburt Christi. Das sechste Weltalter erzählt die Geschichte von der Zeitenwende bis in Schedels Gegenwart. Das siebte Weltalter schließlich gibt, aus unserer heutigen Sicht für ein Geschichtswerk eher ungewöhnlich, einen Ausblick auf das Ende der Welt.

Doch so mittelalterlich, wie das klingt, ist das gar nicht. Tatsächlich bedienten sich Schedel und seine beiden Nürnberger Verleger, Schreyer und Kammermeister, der damals modernsten Technologie, dem eben erst erfundenen Buchdruck, um die damals modernste Ideologie, den Humanismus, zu verkaufen. Die Weltalterlehre dient zu nicht viel mehr denn als Folie, auf der Schedel lax sein Wissen verteilt, und der erheblich größere Umfang des Kapitels über das sechste Weltalter steht dafür, daß die nachbiblische und die Zeitgeschichte eine ganz neue Geltung erhalten.

Zu dem langanhaltenden Erfolg der Chronik trugen besonders die 1.804 Holzschnitte aus der Werkstatt von Michael Wohlgemut und Wilhelm Pleydenwurff bei. Es sind diese Illustrationen, die das Buch zu einer Art multimedialem Spektakel machen und das so junge Buchdruckerhandwerk zu einer frühen Blüte führten. Insbesondere die Stadtansichten machen das Werk bis heute populär. Mit historischer Authentizität sollte man den Abbildungen zwar nicht kommen: Ein und derselbe Holzschnitt diente etwa als Ansicht von Mainz, Neapel, Bologna, Lyon und Herakleion auf Kreta. Aber es sind auch originäre Schnitte etwa von Nürnberg, von Bamberg, Genua, Köln, Rom oder Salzburg darunter, die zu den ältesten Abbildungen dieser Städte gehören und ein lebendiges Bild der Stadtkultur im 15. Jahrhundert vermitteln. Zusätzlichen Reiz erhalten die Schnitte dadurch, daß ein junger Lehrling der ausführenden Werkstatt Albrecht Dürer hieß und KunsthistorikerInnen spekulieren läßt, welchen Anteil der spätere Meister an dem Werk hatte.

Dabei trägt die Schedel’sche Weltchronik eigentlich irrtümlich den Namen des Nürnberger Arzts. In Wahrheit ist das voluminöse Werk eine Gemeinschaftsleistung der humanistisch gesinnten Bürger Nürnbergs und Schedel selbst der Kompilator, der aus unterschiedlichen Quellen seinen Text zusammenträgt. 90% des Texts hat Schedel übernommen und dennoch ein originelles Werk geschaffen. Er zitiert nicht etwa nur den biblischen Schöpfungsbericht, sondern diskutiert ausführlich griechische Weltentstehungstheorien. Diese Art der Textkonstitution könnte ein gelungenes Beispiel hergeben für die heutigen Diskussionen zu Urheberrecht und Autorenschaft. Gänzlich gibt Schedel seine Autoren-Autorität auf, wo er am Ende des sechsten Weltalters Seiten frei läßt, damit die LeserInnen die Geschichte in die Gegenwart weiterschreiben und so die Weltgeschichte zu ihrer ganz persönlichen machen können. Damit hat Schedel einen waschechten Hypertext geschaffen – und er brauchte noch nicht einmal einen Computer dazu.

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